Thirteen

Thirteen

Dreizehnter Tag

„Guten Morgen, Herr Ipuin!“ grüßt ihn Frau Winter, als er zum Frühstück erscheint. „Heute gibt es Eier von unseren eigenen Hennen, was sagen Sie dazu?“

Stolz stellt sie einen Teller mit gebratenen Eiern vor ihn hin. Er duftet köstlich und Herr Ipuin beglückwünscht sich selbst zu seiner Idee eigener Hühner. Und der Hahn hat ihn gar nicht geweckt! Allerdings hat er auch geschlafen wie erschlagen. Nicht einmal das unübliche Mittagsschläfchen am Vortag hat ihn daran gehindert, die fehlenden Nachtstunden von gestern mussten offenbar irgendwie eingeholt werden.

Ja, die Geschichte von gestern geht ihm immer noch im Kopf herum, es fühlte sich an, als hätte er sie selbst erlebt. Na, abwarten was der heutige Tag bringt!

Herr Ipuin vergewissert sich, dass wirklich ein neues Kästchen in seinem Regal steht und dann geht er wie üblich in seinen Garten. Ein strahlender Morgen begrüßt ihn, die Sonne ist eben aufgegangen und Tautropfen glitzern auf seinen Pflanzen. Heute zieht es ihn zu einer lauschigen Ecke, deren Mittelpunkt eine wunderschöne Zeder bildet.

Auf der Bank darunter wartet schon sein Märchenerzähler, der ihn zu sich winkt, und kaum hat Herr Ipuin sich gesetzt, ändert sich schon die Szene.


 



 

Sidhari

Ein Vater hatte eine wunderschöne Tochter, schlank und zierlich wie eine Zeder und das war auch ihr Name: Sidhari. Er war sehr stolz auf sie und das zu Recht: sie war nicht nur schön von Gestalt, sondern hatte auch eine liebliche und liebevolle Seele.

Natürlich fiel das auch den jungen Männern auf und sie hatte unzählige Verehrer. Aber nur ein einziger Mann zählte für sie: Kendros. Er war der Sohn eines Kaufmannes ihrer Stadt, nicht reich, aber wohlhabend genug zur Gründung einer Familie. Sie liebten einander sehr und ließen keine Möglichkeit aus, einander zu sehen.

Ihrem Vater war das ein Dorn im Auge; er wollte zumindest einen Prinzen für seine schöne Tochter, kein Mann darunter war ihm gut genug. Als ein junger Mann aus einer angesehenen Adelsfamilie sich um ihre Hand bewarb, sagte er ihm zu und befahl seiner Tochter, einzuwilligen. Er hatte doch ihr Bestes im Auge ...

Aber Sidhari liebte ihren Kendros und weigerte sich, auf diese Heirat einzugehen. Da wurde ihr Vater sehr zornig und verbot ihr den Umgang mit Kendros ein für allemal. So mussten die Zwei einander heimlich treffen und natürlich wurde ihr Geheimnis bald aufgedeckt und dem Vater hinterbracht.

Sein Zorn kannte keine Grenzen. Er ließ seine Tochter in den alten Turm seines Schlosses bringen und dort einsperren. Sie sah niemanden mehr als die Dienstboten, die ihr das Essen brachten und das Zimmer in Ordnung hielten. Die hatten striktes Verbot, mit ihr zu sprechen und weil sie ihren Herrn fürchteten, gehorchten sie auch.

Nach einiger Zeit kam der Vater und fragte seine Tochter, ob sie sich fügen wolle. Sie verneinte, ihr Herz gehörte Kendros und niemandem sonst. Kendros aber suchte den Vater auf und bat ihn um die Hand seiner Tochter, wurde aber rüde abgefertigt. Trotzdem versuchte er es immer wieder, bis ihm der Vater verbot, sein Grundstück wieder zu betreten und seine Diener informierte, dem jungen Mann den Zutritt zu verweigern, nötigenfalls mit Gewalt.

So hatte er die beiden jungen Leute erfolgreich getrennt, aber ihre Liebe konnte er nicht zerstören.

Die Zeit verging und Sidhari saß in ihrem Turm, nur die Vögel, die in den Zedern vor ihrem Fenster saßen, waren ihre einzigen Freunde. Doch als der Winter kam, zogen sie in den Süden und dann war Sidhari ganz allein. Von Zeit zu Zeit kam ihr Vater, um zu sehen, ob sie ihren Sinn geändert hatte, aber er musste immer wieder erfolglos abziehen. Der Bräutigam, den er ausgesucht hatte, suchte sich inzwischen eine andere Frau, und all die jungen Männer, die sich früher um das Mädchen beworben hatten, wandten sich ab und vergaßen sie schließlich.

Trotzdem blieb der Vater starrsinnig und nach einiger Zeit hatte er seine Tochter halb vergessen. Sie aber saß allein in ihrem Turmzimmer und wurde immer blasser und schmaler in ihrer Einsamkeit. Eines Tages kam ihr Vater wieder, nach so langer Zeit, und erzählte ihr, daß Kendros sich vor einem Jahr zum Militär gemeldet hatte und aus dem letzten Krieg nicht mehr zurückgekommen war. Er dachte, Sidhari würde nun in Tränen ausbrechen und sich nachgiebig zeigen, aber sie wandte ihm den Rücken zu und sagte kein Wort.

Da ging der Vater und besuchte sie nicht mehr. So ging es Jahr und Tag und nur die Vögel waren ihre Freunde. Diese Vögel aber hatten Mitleid mit ihr und flogen zur Hüterin des Zedernwaldes, um ihr die traurige Geschichte zu erzählen und sie um Hilfe zu bitten. Die Fee hörte ihnen aufmerksam zu und dachte nach.

Eines Tages erschien sie im Zimmer des Mädchens und betrachtete Sidhari schweigend und sah ihr tief ins Herz. Dann sagte sie:

"Sidhari heißt du, das bedeutet Zeder - und zederngleich bist du. Dann sollst du nicht mehr einsam sein: Schwester unter Schwestern wirst du sein." 

Sie zeichnete ein geheimnisvolles Zeichen auf die Stirn des Mädchens und ging. Doch mit Sidhari ging eine Veränderung vor: sie streckte sich, ihre Arme wurden länger und trieben Zweige und Blätter und rund um sie zerfiel der Turm und ihre Füße schlugen Wurzeln und nach kurzer Zeit stand da eine wunderschöne Zeder in den Trümmern des Turmes und das Mädchen war verschwunden. Die Bäume ringsum grüßten sie als Schwester und die Vögel bauten ihre Nester in ihren Zweigen und sangen für sie.

Als die Diener am nächsten Tag kamen, standen sie nur mehr vor Trümmern und einem hohen Baum, sie rannten zu ihrem Vater und erzählten ihm ganz aufgeregt, was sie vorgefunden hatten. Der Vater eilte zum ehemaligen Turm und sein hartes Herz brach, aber das konnte nichts mehr ändern.

Sidhari war nicht mehr einsam und eingesperrt. Sie reckte und streckte sich und freute sich an den Winden, der Sonne, der Gesellschaft ihrer Schwestern und dem Treiben der Vögel, und ihr Sinn wurde dem der Bäume immer ähnlicher.

Nur manchmal stieg das Bild ihres geliebten Kendros in ihrem Herzen auf und eine kleine harzige Träne fand ihren Weg die Rinde hinab.


 

Als Herr Ipuin aus der Geschichte zurückkehrt, stehen Tränen in seinen Augen, so sehr hat ihn das Geschick des Zedernmädchens berührt. Er bleibt noch lange auf der Bank sitzen, atmet den Duft der Zeder ein und unwillkürlich sucht er nach einer kleinen harzigen Träne am Stamm seines Baumes. Erst das Krähen des Hahnes weckt ihn aus seiner Versunkenheit und er kehrt ins Haus zurück.

Wie üblich ist auch heute sein Tisch festlich gedeckt und aus der Küche strömen verheißungsvolle Düfte. Doch ehe er sich an den Tisch setzt, überprüft er sein Regal - und tatsächlich, es gibt ein neues Kästchen darin!

Zufrieden setzt sich Herr Ipuin zu Tisch und genießt das köstliche Abendessen, das Frau Winter ihm vorsetzt.

Gesegnete Mahlzeit und guten Appetit, Herr Ipuin!