Seventeen
Siebzehnter Tag
Herr Ipuin ist heute morgen unruhig. Irgendetwas beschäftigt ihn, aber er kann nicht sagen, was. Er hat schlecht geträumt, kann sich aber nicht an den Traum erinnern. Seltsam!
Dennoch freut er sich auf das Frühstück, das Frau Winter wieder liebevoll bereitgestellt hat. Auch sein Frühstücksei schmeckt hervorragend. Was für eine gute Idee war es doch, eigene Hühner zu halten (vor allem, wenn man sich nicht selbst um sie kümmern muss)!
Trotzdem steckt Herr Ipuin ein bisschen Hühnerfutter zu sich, als er in den Garten geht. Mit leeren Händen käme er sich schuldig vor, wenn ihn sein Hühnervolk so umgackert!
Heute wandert er zu der Bank mit Blick auf die Straße, es ist ihm irgendwie danach, ein bisschen Betrieb zu beobachten. Die Straße ist ziemlich belebt, Fußgänger, Fahrzeug, Hunde … alles scheint irgendwo anders ein Ziel zu haben. Das kommt seiner eigenen Ruhelosigkeit entgegen.
Doch auch heute wird Herr Ipuin schon erwartet und sehr schnell in die nächste Geschichte entführt.

Yitar, der Reisende
Es ist früher Morgen, die Sonne ist kaum aufgegangen, aber sie versteckt sich hinter gewaltigen Wolken. Yitar verlässt den Frühstücksraum der Poststation und begibt sich zur Kutsche. Die ist schon hoch beladen mit dem Gepäck der Reisenden, die allerdings noch verschlafen neben der Kutsche stehen. Die Gehilfen verstauen noch die letzten großen Gepäckstücke auf dem Dach, dann geben sie die Kutsche frei und der Kutscher schwingt sich auf den Kutschbock. Die Passagiere werden eilig in die Kutsche gebeten und die Türen geschlossen.
Yitar setzt sich neben den Kutscher auf den Bock und verstaut ein kleines, wasserdicht verpacktes Paket zwischen seinen Füßen. Er mag nicht im Innenraum sitzen, eingeklemmt zwischen all diesen Leuten, und er nützt die Gelegenheit, denn der offizielle Begleiter ist krank geworden und fehlt seit der letzten Station.
Der Kutscher ist heilfroh, einen Begleiter zu haben, nachdem er sich vergewissert hat, dass Yitar auch mit der alten Flinte, die zur Kutsche gehört, umgehen kann und im Notfall auch gewillt ist, sie zu benützen. Und nun ziehen die Pferde an und der Wagen rumpelt los.
Die Postkutsche hat die dichtbesiedelte Gegend längst hinter sich gelassen und fährt durch eine einsame Heide. Gebüsch säumt die Straße und vereinzelte Baumgruppen beleben die Landschaft. Der Regen läßt noch auf sich warten, aber der Regen vom Vortag hat die Straße dennoch aufgeweicht und die Pferde mühen sich recht ab. Es ist ein Vierergespann, also keine Eilpost, und die Kutsche ist ziemlich überladen.
Weiter vor ihnen liegt ein Hindernis auf der Straße ... es ist ein Karriol, dessen Rad gebrochen ist und das die Straße zum Teil versperrt. Die Postkutsche ist zu groß und zu sperrig, die kommt da nicht vorbei. Neben dem verunglückten Gefährt steht eine junge Dame, während ihr Begleiter mit den Pferden beschäftigt ist, die sich in ihrer Panik im Gestänge verfangen haben.
Die Postkutsche hält an und der Kutscher schimpft lautstark über die versperrte Straße und unfähige Wagenlenker. Yitar hingegen steigt ab und geht zu dem unglücklichen jungen Mann, um die Pferde zu beruhigen. Als das geschafft ist, muss das Karriol von der Straße geschafft werden - da muss der Kutscher mit anfassen, was Yitar ihm diplomatisch beibringt. Einer der Passagiere der Kutsche hilft ihnen dabei. Zu guter Letzt ist die Straße wieder frei und alle Helfer sehen aus wie nach einer Schlammschlacht.
Nun erhebt sich die Frage: was macht man mit den Verunglückten? Man kann sie ja nicht einfach in ihrem Elend zurücklassen. Die junge Dame kann in der Kutsche untergebracht werden, Yitars Sitzplatz ist ja frei, aber der junge Mann kann die Pferde nicht an Ort und Stelle lassen. Er wird eines der Pferde reiten und das andere mit sich führen müssen, bis zur nächsten Unterbringungsmöglichkeit. Also erkundigt er sich nach dem nächsten Gasthof, wie weit es bis dahin wohl sein mag. Der Kutscher kennt die Strecke natürlich bestens und kann Auskunft geben - ein Ritt von etwa 2 Stunden.
Man berät, wie es weitergehen soll und beschließt, dass der junge Mann die Pferde zum Gasthof bringt und dort unterstellt. Ytar bietet der jungen Dame seinen Sitz im Wagen an und damit scheint das Problem gelöst. Die junge Frau akzeptiert diese Lösung und ist froh, dass Hilfe gekommen ist. Yitar sitzt wieder auf dem Kutschbock und unterhält sich, so gut es geht, mit dem jungen Reiter. Und so erfährt er die Geschichte, warum das Pärchen unterwegs ist.
„Wir sind Geschwister, Silla und ich, Antor ist mein Name,“ erzählt der junge Mann, „und unterwegs zu Haus eines Onkels, den wir nie gesehen haben. Aber er hat uns ein Erbe vermacht und wir müssen es möglichst schnell antreten, weil es mit einer Frist verbunden ist. Umso ärgerlicher ist dieser Unfall. Der Grund war eine Schlange, die sich über die Straße schlängelte, das machte die Pferde scheu … und ich konnte sie nicht mehr bändigen.“
Verlegen sieht der junge Mann zu Boden.
„Das passiert den Besten, machen Sie sich nichts draus. Wenn Sie es eilig haben, dann sollten wir eine Lösung finden.“ beruhigt Yitar seinen Gesprächspartner. „Ich könnte mir vorstellen, dass Sie die Pferde im Gasthof unterbringen und Sie mit der Postkutsche weiterfahren, wenn Sie das gleiche Ziel haben wie wir.“
Yitar schaut den Kutscher fest an und der senkt den Blick und nickt. Damit ist der junge Mann einverstanden, froh über die Lösung.
Der Gasthof macht einen guten Eindruck und der Wirt ist sehr hilfsbereit. Er hat Platz im Stall für die Pferde und kann auch einen guten Wagner zum Unglücksort schicken, der sich um das Rad kümmern soll. Antor verspricht, die Pferde so schnell wie möglich abholen zu lassen und alle sind mit dem Arrangement zufrieden.
Antor klettert auf den Kutschbock und richtet sich zwischen dem Kutscher und Yitar ein, so gut es geht und weiter geht die Reise. Am frühen Abend gelangen sie nach Lotarham, dem Ziel der Reise, und der Kutscher ist froh, sie wieder loszuwerden, aber ein gutes Trinkgeld von Yitar hebt seine Stimmung wieder.
Sie kehren im besten Gasthof der Stadt ein, um sich ein Abendessen zu gönnen und wieder frisch zu machen nach der Reise. Antor schickt Nachricht ins Haus des Onkels, damit man ihn und seine Schwester abholt.
„Yitar, ohne Sie hätten wir es nicht ans Ziel geschafft. Wollen Sie uns nicht begleiten und unsere Gastfreundschaft annehmen? Wir würden uns freuen, wenn unsere Bekanntschaft nicht hier enden wollte!“
Antor sieht Yitar offen an und auch seine Schwester schließt sich der Bitte an. Yitar überlegt kurz und nimmt die Einladung höflich und freundlich an.
So beginnt eine merkwürdige Geschichte.
Nach dem Abendessen kommt die Kutsche an, die vom Haus des verstorbenen Onkels geschickt wurde und sie treten den letzten Teil ihrer Reise an. Die Haushälterin empfängt sie und geleitet sie heimlichtuerisch in ein Zimmer am Ende des Ganges, dessen Türe hinter einem Vorhang verborgen ist. Die Geschwister sehen einander verwundert an.
Es ist ein gemütliches kleines Zimmer, im Kamin brennt ein Feuer und in einem der um das Feuer gruppierten Lehnstühle sitzt ein alter Herr und sieht ihnen gelassen entgegen.
„So,“ sagt er dann, „das sind also die Erbin und ihr Bruder. Ihr habt Verstärkung mitgebracht?“
Antor erklärt, wer Yitar ist und warum sie ihn eingeladen haben, mit ihnen mitzukommen. Der alte Herr nickt.
„Das ist eure Entscheidung. Und nun sollt ihr erfahren, wer ich bin.“ Pause. „Ich bin euer verstorbener Onkel und der Erblasser.“
Die Geschwister erstarren erst, Silla wird erst blass, dann rot und wieder blass. Antor springt auf:
„Was ist das für ein Unfug? Wie können Sie hier so ruhig sitzen und uns diesen Blödsinn erzählen?“
„Kein Blödsinn, sondern Absicht. Setze dich wieder, Antor, und hört mir zu. Es gibt einen Grund für dieses Verwirrspiel.“
Antor setzt sich zögernd und Silla nimmt seine Hand. Sie braucht jetzt einen festen Punkt.
„Ich habe – mit Hilfe meines Arztes – meinen Tod vorgetäuscht, weil ich seit ein paar Wochen bedroht werde. Wie ihr vielleicht wisst, leben die meisten Mitglieder meines Zweiges der Familie nicht mehr und so seid ihr meine natürlichen Erben. Nun ist es aber so, dass ich den Sohn meiner zweiten Frau als eigenes Kind aufgezogen habe und er sich daran gewöhnt hat, sich als meinen Erben zu betrachten. Als er von meinem Testament erfuhr, wurde er zornig und fühlte sich betrogen. Ich habe ihm ein hohes Legat auf Lebenszeit ausgesetzt, aber damit will er sich nicht zufrieden geben. So verließ er das Haus im Zorn, ich habe ihn seither nicht mehr wiedergesehen.“ Er macht eine Pause. Dann fährt er fort:
„Seither sind mir ständig Unfälle zugestoßen, die ich nur mit viel Glück überstanden habe. Ich verstand nur nicht, was er davon hat – denn wenn ich tot bin, tritt mein Testament in Kraft, und genau das will er ja nicht. Aber nun wurde mir bekannt, dass mein Testament verschwunden ist und das vorherige bei meinem Nachlassverwalter aufgetaucht ist. Damit hat sich die Lage zugespitzt. So habe ich heimlich mein Testament wieder aufgesetzt und einem neuen Nachlassverwalter übergeben. Mit ihm zusammen und mit meinem Arzt, dem ich blind vertraue, habe ich das Gerücht von meinem Tod ausgestreut – und veranlasst, dass ich schon am nächsten Tag beerdigt wurde. So konnte niemand den Betrug entdecken.“
Silla und Antor sind fassungslos. Yitar lehnt in seinem Lehnsessel und verhält sich absolut ruhig.
„Aber was können wir denn tun?“ fragt Antor.
„Ganz einfach: ihr tretet das Erbe an, ich bleibe im Verborgenen – vorderhand – und ihr seid höllisch vorsichtig. Wir müssen den Kerl aus seinem Versteck locken und entlarven. Dazu habe ich diese geheime Kammer im Haus für mich als Lebensraum hergerichtet. Storvan weiß davon nichts. Hier werde ich mich aufhalten und ihr müsst mich insgeheim versorgen. Und wenn er sich blicken lässt – offiziell wisst ihr ja nichts von seinem Streit mit mir – dann tauche ich auf und konfrontiere ihn mit den Tatsachen. Das könnte allerdings ziemlich gefährlich werden für euch.“
Antor sieht Yitar an.
„Es tut mir leid, dass wir Sie da hineingezogen haben. Wenn Sie jetzt lieber gehen wollen, kann ich das sehr gut verstehen. Aber bleiben Sie wenigstens über Nacht und verlassen Sie uns morgen früh ausgeruht. Sie sollen aber wissen: wir werden Ihre Abreise sehr bedauern, denn wir werden uns Ihnen immer verpflichtet fühlen – aus Dankbarkeit und aus Neigung.“
Yitar lächelt leise und antwortet ruhig:
„Wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann, bleibe ich gerne. Ich mag Leute, die ihre Grenzen überschreiten, nicht sehr. Also: spannen Sie mich ruhig ein.“
Antor und Silla fassen seine Hände und strahlen ihn an.
„Abgemacht, dann sind wir zu viert. Storvan wird sich wundern!“
Ihr Onkel schmunzelt. Er hat seine Truppen erfolgreich versammelt und sieht mit Zuversicht in die Zukunft.
Am nächsten Morgen erscheint der Notar zur festgelegten Stunde, um das Testament zu eröffnen. Mit ihm erscheint der neue Nachlassverwalter. Gleich nach ihnen tritt ein junger Mann grußlos ins Zimmer, der so ziemlich das Gegenteil des braunhaarigen Antor ist: blond, eine Spur untersetzt, aber gut aussehend, und sehr selbstsicher. Nach ihm kommen die Haushälterin und ihr Mann, der den Garten versorgt, dann sind alle versammelt.
Der Notar verliest das Testament. Die Erben sind Silla und Antor und Storvan erbt einen kleinen Landsitz und ein Legat, das seinen Unterhalt bis an sein Lebensende sichert. Ein weiteres kleineres Legat wurde für die Haushälterin und ihren Mann ausgesetzt und die beiden sind sehr glücklich darüber.
Storvan ist aufgesprungen und brüllt: „Was ist das für ein Testament? Das ist nicht möglich! ICH bin der Sohn und habe das Recht, alles zu erben! Und wer ist das überhaupt?“ Er deutet auf den ganz ruhig dasitzenden Nachlassverwalter.
Der Notar bleibt ruhig. „Sie sind der Ziehsohn und Silla und Antor sind die natürlichen Erben als nächste Verwandte des Verstorbenen. Sie sind großzügig versorgt, wie können Sie damit nicht zufrieden sein?“ Er wendet sich an den Nachlassverwalter. „Sie sind an der Reihe, Herr Komodor.“
Dieser ist sitzen geblieben. Er misst Storvan von oben bis unten und erklärt dann gelassen:
„Ich bin der Nachlassverwalter nach meinem Freund Voltur. Er hat mich dazu bestimmt, als er das neue Testament aufsetzte, nachdem das ursprüngliche erstaunlicherweise verschwunden war. Können Sie das erklären?“
Storvan schweigt, aber man sieht, dass er vor Wut kocht. Er will den Raum verlassen, da hält ihn die ruhige Stimme Komodors zurück:
„Übrigens: Herr Voltur hat mir einen Brief hinterlassen. Darin bestimmt er, dass im Falle unerklärlicher Unglücksfälle, die den Haupterben zustoßen sollten, Ihr Erbe sofort verfällt und Sie gar nichts mehr erhalten. Dieser Brief kann als Anhang zum Testament gelten, denn er wurde in Gegenwart des Notars verfasst und von zwei Zeugen unterschrieben.“
Jetzt hält nichts mehr Storvan. Vor Wut brüllend verlässt er den Raum und knallt die Türe hinter sich zu. Im Zimmer herrscht Stille, eine dicke, erstickende Stille. Dann steht Yitar auf und öffnet ein Fenster. Das löst die allgemeine Starre. Die Haushälterin und ihr Mann ziehen sich zurück und die Zurückbleibenden entspannen sich ein bisschen. Dann löst sich die Gesellschaft auf, denn der Notar verabschiedet sich, er hat eine Pflicht getan.
"Eine Frage, Herr Komodor: sind Sie mit dem Haushalt hier komplett vertraut? Wenn ja: wie steht es mit der Dienerschaft? Wie sehr ist sie Storvan verbunden? Sie haben ihn ja hier aufwachsen gesehen."
Es ist das erste Mal, daß Yitar sich zu Wort meldet. Herr Komodor nickt beifällig.
"Sie legen den Finger in die Wunde, Herr ...?"
Antor stellt Yitar nun vor und der Nachlassverwalter ist zufrieden. Nachdenklich sieht er vor sich hin und antwortet dann:
"Ja, ich kenne den Haushalt sehr gut, ich bin ein alter Freund des Erblassers. Die Dienerschaft dürfte zweigeteilt sein: die älteren neigen sicherlich Voltur und seinen Blutsverwandten zu, bei den jüngeren Bediensteten bin ich mir nicht so sicher. Ich könnte mir vorstellen, dass Storvan hier durchaus Anhänger und Helfer hat."
"So ist Vorsicht geboten. Denn eines steht fest, so scheint mir: wenn etwas passiert, wird sich der Vorfall nicht so einfach zu Storvan zurückverfolgen lassen."
"So sehe ich das auch, Herr Yitar. Sie scheinen mit ein erfahrener Mann zu sein. Werden Sie hierbleiben und ein wenig auf die jungen Leute achten?"
"Solange Silla und Antor mich hierhaben wollen, bleibe ich."
Die Geschwister beteuern sofort, dass sie Yitar auf jeden Fall hierbehalten wollten, er sei ja inzwischen mehr ein Freund als eine zufällige Reisebekanntschaft.
Komodor sieht sehr zufrieden aus. Er hat einen guten Eindruck von Yitar erhalten. Er erhebt sich und wendet sich an Antor und Silla:
„Auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer eures Onkels liegen alle nötigen Papiere. Was bei den Behörden zu erledigen ist, werde ich regeln. Ihr solltet euch jetzt in Ruhe mit dem Haushalt und den Ländereien vertraut machen und die Leute kennenlernen – Dienstboten und Nachbarn. Das wird einige Zeit dauern. Ich verlasse euch jetzt, aber ihr könnt mich jederzeit erreichen, wenn ihr Unterstützung braucht. Alles Gute euch und bis bald!“
Er nickt auch Yitar freundlich zu und verlässt den Raum. Yitar geht wieder zum Fenster und schaut hinaus. Er kann die Auffahrt sehen bis zur Straße, so hat er sich auch vergewissert, dass Storvan wirklich das Grundstück verlassen hat.
Auf Bitte von Silla ruft die Haushälterin alle Bediensteten zusammen und Silla und Antor machen ich mit ihnen bekannt. Der Verwalter der Ländereien hat sich für den nächsten Morgen angekündigt, so ist das Wichtigste geregelt und man kann an das Mittagessen denken. Unter dem Vorwand, mehr Informationen zu erhalten, wird die Haushälterin eingeladen, mit ihnen zu essen, dafür sorgt Yitar. Er schärft Bruder und Schwester auch ein, nur das zu essen, was auch die Haushälterin isst. Erstaunt und beunruhigt stimmen sie zu.
So verläuft das Mittagessen in totaler Harmonie. Die Haushälterin ist zwar ein bisschen verlegen, aber dennoch erfreut, und Yitar, Silla und Antor halten eine freundliche Unterhaltung aufrecht. Natürlich fragen sie die Haushälterin über die Dienerschaft aus, aber das Thema "Onkel" wird total ausgespart.
Auf die gleiche Art verfahren sie mit dem Abendessen, und so überstehen sie den Tag gut. Ihr Gepäck ist längst eingelangt, die Zimmer sind fertig für sie und die Koffer sind ausgepackt, so können sie es sich gemütlich machen und nach diesem aufregenden Tag sind sie auch sehr müde. Was gestern noch ein Provisorium war, ist heute schon die neue Hausordnung.
Auch der nächste Tag ist dem Einleben gewidmet. Antor lernt den Verwalter kennen und reitet mit ihm die Ländereien ab und Silla lässt sich von der Haushälterin in den Hausgebrauch einführen. Yitor aber sucht Voltur in dessen Refugium auf, um mit ihm die Geschehnisse durchzusprechen und über die beste Vorgangsweise zu beraten. Voltur hat ihn längst als Schutzgeist seiner Nichte und seines Neffen akzeptiert. Auch beraten sie über die Anschaffung eines Hundes für Antor und einer Katze für Silla – vorausgesetzt, die Beiden sind damit einverstanden. So ist alles geregelt und auch Yitar ist voll eingebunden.
Silla ist von dem Gedanken an ein Kätzchen begeistert und kann es gar nicht erwarten, und auch Antor kann sich mit dem Gedanken an einen liebenswerten Welpen anfreunden. Yitor ist beruhigt – die beiden Tiere werden unauffällig die Vorkoster bei Tisch werden.
In den nächsten Tagen geschieht nichts Beunruhigendes. Silla und Antor stellen sich ihren nächsten Nachbarn vor, worauf es natürlich Einladungen hagelt. Auch lernen sie die Dienstboten des Hauses besser kennen, Antor wird vom Kammerdiener seines Onkels betreut – alles andere hätte den Haushalt verwundert – und Silla stellt ein junges Mädchen ein, mit dem sie sich schnell anfreundet.
Yitar schließt Bekanntschaft mit dem Stallpersonal, vor allem mit Volturs Reitknecht, Hama. Dieser ist in die Verschwörung eingeweiht, denn er genießt das volle Vertrauen seines Herrn. Ihm wird auch Antors Sicherheit anvertraut. Auffallend ist, dass Storvans Stallbursche im Dienst geblieben ist, und so trauen ihm weder Yitar noch Hama.
Auf diese Art und Weise versucht Yitar, das Umfeld Antors möglichst sicher zu gestalten. Auf Sillas Umgebung hat er recht wenig Einfluss, dennoch beobachtet er ihr Mädchen sehr genau. Sie ist eine Nichte der Haushälterin und wirkt ihrer neuen Herrin sehr ergeben.
Von Storvan ist nichts zu hören und zu sehen. Er hat sich auch auf seinem Erbe nicht blicken lassen und das beunruhigt Yitar. Storvan ist wie vom Erdboden verschwunden.
Inzwischen haben Silla und Antor sich daran gewöhnt, morgens auszureiten, und sie haben auch schon einen Lieblings-Rastplatz, eine Bank auf einem niedrigen, von Bäumen locker bestandenen Hügel. Antors Welpe läuft gewöhnlich mit ihnen mit und liegt dann mit hängender Zunge zu ihren Füßen, während sie den Ausblick genießen.
An diesem Morgen ist der Hund unruhig, er schnüffelt herum und findet keine Ruhe. Silla wird auch etwas unruhig und so kürzen sie ihren Aufenthalt ab und reiten bald zurück. Unterwegs im Wäldchen fängt der Hund an zu knurren und im selben Augenblick steigt Antors Pferd, um nicht auf den Hund zu treten, und ein Schuss knallt und die Kugel verfehlt Antor nur knapp. Der Reitknecht reagiert schnell und stürzt sich in das Wäldchen, um den Schützen zu stellen, aber da ist niemand mehr und in der Ferne verhallt Hufschlag.
Die Geschwister erreichen das Haus in großer Aufregung. Das war der erste Anschlag und er wäre um Haaresbreite geglückt. Der Hund ist der Held des Tages und genießt das rückhaltlos - mit Häppchen vom Tisch und zusätzlichen Streicheleinheiten. Aber nun sind die Geschwister wirklich gewarnt und nehmen Yitars Sicherheitsmaßnahmen wirklich ernst. Das macht sich auch bald bezahlt.
Sillas Kätzchen hat seinen festen Platz in ihrem Bett und meist sucht sie ihren Schlafplatz auf, ehe Silla selbst zu Bett geht. An diesem Abend hören sie einen Schrei aus Sillas Zimmer, Yitar und Antor stürzen in den Raum und finden die Katze fauchend auf dem Bett und Sillas Mädchen mit einem Schürhaken auf das Bett einschlagend. Die Ursache ist schnell entdeckt: eine Giftschlange versucht aus dem Bett zu entkommen und wird schnell von Antor getötet. Wie kam die Schlange in das Zimmer?
