Fourteen

Fourteen

Vierzehnter Tag

Herr Ipuin ist ein Frühaufsteher, deshalb braucht er auch keinen Wecker und so muss der Hahn noch eine gute Weile nach Tagesanbruch warten, bis er seinen Morgenschrei loslassen darf. Aber bei Sonnenaufgang darf er loslegen und das tut er mit vollem Einsatz.

Herr Ipuin sitzt bereits beim Frühstück – natürlich mit einem weichgekochten Ei von einer seiner Hennen! – und lächelt vor sich hin. Heute muss er wirklich seinem Hühnerhof einen kleinen Besuch abstatten, sein Geflügel soll ihn ja gut kennen. Er deckt sich vorsorglich mit Körnern ein. Aber aber Herr Ipuin, Bestechung?????

Nein, bloß ein bisschen Freundlichkeit! Als ihn seine Hühner freudig umgackern und die Extraportion Körner aufpicken, flattert der Hahn ihm vor die Füße und rennt dann zum Hühnerstall, kehrt um, macht Herrn Ipuin auf sich aufmerksam und rennt wieder zum Stall. Das erscheint Herrn Ipuin ungewöhnlich und so folgt er seinem Gockel neugierig.

Und da sieht er eine Zettel aufgehängt: „mit einem schönen Gruß von deinem Erzähler“ (ach ja, der hat sich ja gar nicht blicken lassen!). Als Herr Ipuin den Zettel abgenommen und umgedreht hat, fällt sein Blick auf eine Art Gedicht und die Überschrift:



 

Die Ballade vom Regenwurm

Amüsiert fängt Herr Ipuin an zu lesen, und da ist sie:

Ein Wurm lag auf dem grauen Stein, verirrt im lauen Regenschein. Da hob ihn eine Hand geschwind und warf ihn – husch! – hinweg im Wind, hinüber übern Gartenzaun, ins Beet, wo feuchte Erde braun.

Dort lag er erst einmal ganz still, weil er nicht wusste, was er will. Er kroch ein wenig, roch den Grund und fand ihn feucht und weich und rund. Dann grub er sich, ganz ohne Hast, dorthin, wo Erde zu ihm passt.

Er buddelte Gang um Gang hinein, die Erde roch nach Moos und Stein. Da traf er tief im braunen Reich auf einen Gang, schon fertig, weich.

Neugierig kroch er näher vor – und plötzlich stand ein Wurm davor. Nein, halt! Was sah er da genau? Es war ein Fräulein, eine Frau! Sie roch so herrlich nach der Erde, nach Regen, Wurzeln, frischer Fährte.

Die beiden steckten Nas' an Nase, begegneten sich auf ihre Weise. Und weil man, wenn man Würmchen ist, recht schnell einander sympathisch ist, da blieben sie beisammen dort und wurden sich von Tag zu Tag noch lieber in dem dunklen Ort.

Bald trug ein heller, zarter Ring die Eierchen – ein kleines Ding. Zur rechten Zeit, als er gereift, hat unser Wurm ihn abgestreift.

Und als die Zeit gekommen war, geschah, was längst bestimmt schon war: Der Ring entließ ins Erdenreich zwei kleine Würmchen, frisch und weich.

Sie gruben Gänge, tief und quer, die Erde atmete nun mehr. Und über ihnen, reich und froh, wuchs alles grün empor – und so …

verging die Zeit im Erdenland, wo einer stets den andern fand. Bis eines Tages, irgendwann, ein kleiner Wurm im Dunkel dann auf einen andern Wurm traf, fein – und dachte: „Das muss Schicksal sein.“

Er roch nach Erde, Regen, Moos, und irgendetwas ging ihm los. Da wusste unser kleiner Wurm: „So fängt es an und wird ganz groß.“

Denn unter Gras und Sonnenschein, im Dunkel kann das Leben sein. Und was sich dreht im Erdenreich, beginnt und endet niemals gleich.

So schließt sich dort, ganz leis und rund, der Kreis im warmen, dunklen Grund.
Ein Wurm begegnet irgendwann
dem nächsten, der ihn finden kann.

Und über ihnen, Jahr um Jahr, wächst alles grün, wie es schon war.


 

Herrn Ipuin lacht erst laut auf, aber beim Weiterlesen wird er sogar ein bisschen nachdenklich. Das ist eine lustige Fassung einer Naturgeschichte und sie macht ihm Freude. Der Hahn sieht ihn auffordernd an, und so setzt sich Herr Ipuin auf den Zaum des Hühnerhofes und fängt an, laut vorzulesen. Erst kommt er sich ein bisschen komisch vor, aber dann sieht er, wie aufmerksam seine Hühner samt Hahn lauschen, sogar mit schiefgelegtem Kopf.

Und so deklamiert er gleich wie ein richtiger Bänkelsänger und hat seinen Spaß daran. Ja, das ist ein besonderer Morgen! Natürlich hat der Hahn das letzte Wort:

Kikerikiiiiiii!

Als Herr Ipuins Blick auf einen Regenwurm fällt, der auf dem Trockenen liegt, hebt er ihn auf und trägt ihn in seinen Garten, wo er ihn in ein Blumenbeet setzt. Sogleich bohrt sich der Wurm in die lockere Erde und verschwindet, um seine Pflicht zu tun.

Ob er da auch ein Regenwurmmädchen finden wird? Herr Ipuin schmunzelt und geht ins Haus, um sein Regal zu kontrollieren. Und wirklich: da hat sich doch ein neues Kästchen eingeschmuggelt!

Herr Ipuin legt den Zettel unter das Kästchen, legt sich in den Liegestuhl auf seiner Terrasse und verbringt die restliche Zeit mit Lesen.

Aber nicht über Regenwürmer ...