One

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Erster Tag


 

Herr Ipuin ist heute früh aufgestanden. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, da sitzt er schon beim Frühstück und liest die Morgenzeitung. Diese legt er aber bald wieder weg.

„Schade um die Zeit bei all diesen schlechten Nachrichten. Warum schreiben diese Leute nicht auch einmal etwas Nettes, Freundliches, Positives?“

Herr Ipuin ist ein einfacher Mann und er sieht aus wie jedermann, mittelgroß, rundlich aber nicht dick und weder jung noch alt. Aber er hat ein freundliches Gesicht und ein freundliches Naturell. Und er hat ein Hobby.

Er sammelt.

Nicht Bierdeckel oder Modellautos – nein, er sammelt Geschichten. Herr Ipuin liebt Geschichten, ist er doch selbst eine Geschichte. Denn sein Name ist baskisch (die Basken sind ein Volk im Südwesten Frankreichs und im Nordwesten Spaniens und ihre Sprache ist die älteste Sprache Europas) und bedeutet „Märchen“.

Herr Ipuin hat einen geheimnisvollen Garten. Der ist nicht wie die städtischen Vorgärten, nein, er ist ein freier Garten, der wachsen und sich entwickeln darf, wie er es möchte. Er ist von dichten Büschen umgeben, nicht von einer beschnittenen Hecke, und ein schönes, altes, schmiedeeisernes Tor bildet den Eingang. Das Tor ist nicht etwa geschlossen – oh nein, es steht immer ein bisschen offen und gibt den gewundenen Weg in das Innere des Gartens frei. Und wenn du dort vorbeikommst, bist du eingeladen einzutreten und dem Weg in die Geheimnisse des Gartens zu folgen.

Gleich nach dem Frühstück geht her Ipuin in seinen Garten, das macht er jeden Tag. Er liebt es, auf den Randsteinen des Brunnens zu sitzen und den Tieren in seinem Garten zuzusehen. Da tummeln sich Eichhörnchen und sausen um den Stamm der Bäume, in den Zweigen sitzen und trällern jede Menge Vögel, in den Büschen verstecken sich Hase und Igel und noch alle möglichen anderen Wildtiere finden sich hier.

Herr Ipuin ist glücklich in seinem Garten. Er lauscht dem Plätschern seines Brunnens und den vielfältigen Stimmen der Tiere und fühlt sich geborgen in seiner eigenen Welt. Nicht einmal die Anwesenheit seiner Wirtschafterin, die für ihn kocht und putzt, kann ihn stören. Auch heute ist er auf dem Weg zu seinem Lieblingsplatz, doch plötzlich stutzt er: da sitzt doch jemand!

Ein seltsames Wesen ist das, nicht wirklich Mensch, nicht wirklich Pflanze, irgendetwas anderes. Herr Ipuin zögert, aber das Wesen sieht ihn freundlich an und winkt ihn an seine Seite.

„W-wer sind Sie?“ stottert Herr Ipuin und bleibt vorerst einmal stehen. Doch das Wesen besteht darauf, dass er sich zu im setzt und sagt vergnügt:

„Guten Morgen, Herr Ipuin! Du sammelst Geschichten und ich bin derjenige, der sie erzählt.“ Und er deutet auf eine Buschgruppe vor sich, in der drei Bäume dicht beieinander stehen, und schon ist Herr Ipuin mitten in einer Geschichte.


 

D
er einsame Drache

Irgendwo in unserem Land lag einmal ein kleines Dorf ganz in der Nähe eines riesigen Waldes. Noch näher am Wald standen zwei Häuser, in denen befreundete Paare mit ihren Kindern wohnten. Die Familien besuchten einander oft und die Kinder spielten jeden Tag miteinander und tobten über die Wiesen. Aber niemand ging in den großen Wald, nicht die Dörfler und nicht die beiden Familien.

Der Wald war tabu, denn in ihm lebte ein schreckliches Ungeheuer. Niemand hatte es je gesehen, aber die Warnung wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Eines Tages spielten die Kinder wieder am Waldrand und auf einmal entdeckte eines der Mädchen wunderschöne Blumen unter den Bäumen und lief hin, um sich die Blumen anzuschauen. Natürlich folgten die anderen Kinder und schon entdeckten sie die schönsten und buntesten Pilze ein bisschen weiter im Wald. Die mussten sie sich näher anschauen! Plötzlich sprang ein Hase aus dem Gebüsch – holla, da liefen sie dem auch schon nach. Alle Warnungen der Eltern waren vergessen und die Kinder hatten ganz rote Backen vor lauter Entdeckungs- und Abenteuerlust.

Und so gerieten sie immer tiefer in den Wald, der ihnen ständig neue Erfahrungen bot. Plötzlich stolperte der jüngste Bub über eine dicke Baumwurzel und fiel. Die Freunde liefen zu ihm, um ihm aufzuhelfen und dabei gerieten sie ins Rutschen – unter der dicken Laubschicht verbarg sich eine tiefe Grube. Unaufhaltsam rutschten sie hinunter auf den Grund. Sie versuchten sogleich, wieder hinaufzuklettern, aber die Wand war viel zu steil und zu hoch. Da begannen sie um Hilfe zu rufen, sie riefen laut und lange, aber sie waren schon zu tief im Wald. Das kleinste der Mädchen fing an zu weinen, aber niemand konnte sie hören.

Niemand?

In diesem Wald lebte seit Urzeiten ein Drache, und der war die Ursache, warum die Menschen den Wald mieden. Zwar war ihm noch niemand begegnet, aber die Sage vom Ungeheuer hielt sich hartnäckig. Er war der Letzte seiner Art und seit Jahrhunderten ganz allein, gemieden von allen, die um den Wald lebten. Fast hätte er das Sprechen verlernt, so allein und einsam war er.

Die Kinderstimmen machten ihn aufmerksam – wie lange hatte er das nicht mehr gehört! Und als das Mädchen zu weinen begann, schreckte er auf. Das durfte nicht sein! Also machte er sich ganz leise und vorsichtig auf den Weg zur Unglücksstelle. Er wollte die Kinder ja nicht erschrecken, also schob er den Kopf nicht über die Grube, sondern sprach die Kinder an, ehe sie ihn sehen konnten.

„Erschreckt nicht, Kinder, ich bin gekommen, um euch zu helfen.“

„Wer bist du?“ fragten die Kinder, doch etwas erschrocken über die plötzliche Stimme.

„Ich bin kein Mensch, aber fürchtet euch nicht!“ sagte die tiefe Stimme freundlich.

„Ja, was bist du dann?“

„Ich bin ein Drache – aber ich speie kein Feuer! Darf ich mich zeigen?“

Ein Drache! Das war also das Ungeheuer, von dem die Eltern sprachen – aber er klang nicht wie ein Ungeheuer. Die Kinder wurden – bei aller Angst – neugierig.

„Ja klar, zeig dich! Du willst uns helfen? Hast du eine Leiter?“ wollte der älteste Junge wissen.

Langsam schob der Drache seinen Kopf über die Grube. Himmel, war der groß! Aber er lächelte und die Augen waren so warm und freundlich.

„Nein, Leiter habe ich keine, aber eine Brücke!“ und der Drache drehte sich um und ließ seinen Schwanz in die Grube gleiten. Ja, das war tatsächlich eine Brücke und der mutigste Junge kletterte schnell daran hinauf. Da trauten sich auch die anderen Kinder und bald standen alle um den Drachen herum.

Dieser legte sich lang auf den Boden, sodass sein Kopf auf Augenhöhe der Kinder war, und lächelte sie an. Die Kinder hockten sich zu ihm und dann fragten sie:

„Wie können wir dir danken? Du hast uns so freundlich geholfen!“

Da sah sie der Drache traurig an und sagte:

„Ich würde so gerne wieder Kinder spielen sehen, ein Lied hören und Tänzern zuschauen – ich bin seit Jahrhunderten hier ganz allein und hätte so gern ein bisschen Gesellschaft. Werde ich euch wiedersehen?“

Da verloren die Kinder den letzten Rest von Scheu und versprachen freudig, ihn wieder zu besuchen. Aber erst mussten sie heim, denn viel Zeit war vergangen und sie wussten, die Eltern würden in Sorge sein.

Im Dorf und um das Dorf war die Aufregung groß. Alle Leute waren auf den Beinen und riefen und suchten nach den Kindern. Die Sorge verwandelte sich schnell in Schreck und Zorn, als sie die Kinder aus dem Wald laufen sahen. Nach der ersten Standpauke mussten die Kinder erzählen, und das taten sie, und die Eltern und alle Dorfbewohner hörten ihre Erzählung mit Staunen und Unglauben. Hatten die Schlingel sich das ausgedacht? Aber nach eingehender Befragung mussten die Erwachsenen einsehen, dass die Kinder die Wahrheit sagten.

Der Vater des ältesten Jungen hörte sich das alles ruhig an und überlegte im Stillen, wie man darauf reagieren sollte. Da baten die Kinder um Erlaubnis, den Drachen wieder zu besuchen. Die Erwachsenen schreckten zurück, aber der Vater sagte:

„Ja, ihr dürft – aber ich komme mit.“

Und so geschah es. Der Drache war überglücklich, seine kleinen Freunde um sich zu haben und der Vater konnte sich selbst ein Bild machen vom magischen Freund seiner Kinder.

Damit waren alle Vorurteile ausgeräumt und der Wald hatte seine Tore geöffnet und die Menschen strömten in den Wald und erholten sich in der schönen Natur.

Und der Drache war nie wieder einsam.


 

Die Geschichte ist zu Ende und der Garten sieht wieder aus wie immer, der Erzähler ist verschwunden. Herr Ipuin kehrt langsam in die Wirklichkeit zurück, die Stimmen in seinem Inneren verhallen und er sitzt am Brunnenrand und fühlt sich unendlich glücklich. Der Himmel bereitet sich auf den Sonnenuntergang vor, die Vögel singen ihr Abendlied und in der Ferne bellt ein Hund. Es ist Abend geworden, ein ganz gewöhnlicher Abend.

Verwundert steht Herr Ipuin auf und geht in sein Haus. Ein ganzer Tag ist über dieser Geschichte vergangen? Aber er hat sie regelrecht erlebt und jetzt fühlt er sich hungrig und freut sich auf sein Abendessen. Er kann zufrieden sein, seine Sammlung hat sich um eine Geschichte vermehrt.